Erster Brief von Kai Ehlers - Lieber Jefim,

Kai Ehlers schreibt an Jefim Berschin.
Kai Ehlers

drei Jahre ist es nun her, daß wir unser Buch „Rußland – Herzschlag einer Weltmacht“ und mit ihm unseren darin geführten Briefwechsel über die Bedeutung der russischen Transformation in die Welt entlassen haben. Offen bleiben mußte die Frage ...

was der Einsturz des sozialistischen Weltbildes für Rußland, aber darüber hinaus auch für die übrige Welt bedeuten könnte, ob eine neue Ethik aus den Trümmern der bisher letzten großen Utopie der Menschheit entstehen kann und wie eine solche Ethik aussehen könnte.

 

Inzwischen ist eine Stabilisierung in Rußland eingetreten, gegen die sich bereits wieder Proteste regen; Perestroika dagegen ist in eine globale Bewegung übergegangen. Die Ringe, die von den Brocken ausgingen, welche auf die sowjetische Gesellschaft niederprasselten, sind noch lange nicht ausgelaufen. Sie ziehen sich heute um den ganzen Globus – Eurasien, Europa, USA, China, Indien, Afrika. Die Verwandlung der Welt in einen einzigen Supermarkt ist immer noch voll im Gange. Um so erstaunlicher ist, daß nichtigste Ereignisse manchmal ausreichen, um für einen Moment die Abgründe sichtbar werden zu lassen, die sich unter diesem globalisierten Konsumrausch auftun. Der Auftritt der „Pussy Riots“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche ist ein solches Ereignis, denke ich: Tabubruch um des Tabubruches willen, sinnlos, strategielos, rücksichtslos, peinlich – und politisch hochgespielt. Stimmt! Ich gebe Dir recht. Man könnte zur Tagesordnung oder zu prinzipielleren Fragen übergehen.

 

Aber gerade in seiner Banalität sehe ich die Bedeutung dieses Auftrittes: Die „Pussies“ erscheinen auf der Bildfläche wie das Pfeifen aus einem überkochenden Dampfkessel. Es tönt weit über Rußland hinaus. Gerade die Banalität der Aktion läßt die geistige, die ethische, die kulturelle Leere grell hervortreten läßt, in der wir uns heute befinden, in der sich insbesondere auch Rußland heute befindet – und die Putin und Kyrill II. mit einer national-patriotischen Orthodoxie zu verkleistern suchen. Und weil die „Pussies“ nicht irgendwo, sondern gerade in jener Kirche herumgegrölt haben, welche diese Versuche zur Herstellung eines klerikalen Nationalismus repräsentiert, kann diese sinnlose Aktion die Menschen in Rußland derart provozieren.

 

Das ist das Eine. Daß der Vorgang für den „Westen“ trotz der Plumpheit der Aktion zu einem politischen „Kunstwerk“ und dessen staatliche Behandlung zu einem exemplarischen Fall von Menschenrechtsverletzung hochstilisiert wird, die man vor einem europäischen Gerichtshof zu verhandeln für angebracht hält, ist die andere Seite. Sie paßt in das Bild.

   Wenn wir der Frage nachgehen, warum eine solche „Peinlichkeit“ heute einen solchen Wirbel hinterläßt, während – um nur beliebige Beispiele zu nennen – der Hunger von Millionen, die Unfähigkeit staatlicher Akteure, die Klimaproblematik in den Griff zu nehmen, die drohenden Eskalationen in Na-Ost und Nordafrika u.a.m. kaum der Aufregung wert zu sein scheinen, dann stoßen wir d i r e k t ins Zentrum der heutigen Sinnkrise vor: Sind wir noch verantwortlich für unser Tun? Und wem wären wir verantwortlich, wenn wir diese Frage bejahen könnten?

 

Ich frage Dich also: Warum kann eine Aktion wie der Auftritt der „Pussy Riots“ heute derartigen Wirbel verursachen? Und ich setze meine These dazu: Die Provokation der „Pussies“ ist ein Schrei nach Hilfe in einer geistlosen Welt.

 

Ich bin gespannt auf Deine Sicht, gerade wenn sie meiner nicht entspricht. Ich hoffe, daß wir so zur Quelle vordringen. Es wird nicht einfach sein. Aber Du weißt ja, nur wer sucht, kann auch finden.

 

herzlich, Kai