Von Jefim Berschin, auf den ersten Brief von Kai Ehlers - Lieber Kai,

Jefim Berschin schreibt an Kai Ehlers.
Jefim Berschin

entschuldige, dass ich dich so lange mit meiner Antwort habe warten lassen. Aber die Umstände sind, hin und wieder jedenfalls, stärker als wir und die innere Verfassung eines Dichters ist wohl der wichtigste Umstand…

der manchmal nicht einmal das Anfassen beschriebenen Papiers zulässt. Ganz zu schweigen vom Schreiben literarischer Werke.

 

Sofort auf alle deine Fragen einzugehen, das werde ich wohl nicht können. Alles hat seine Zeit. Aber wenn man die Nebensächlichkeiten, die unbedeutenderen Ereignisse zur Seite schiebt, die in Russland und der Welt zur Zeit stattfinden und stattgefunden haben, kann man einige grundsätzliche Probleme hervorheben. Eins davon hast Du bereits angedeutet: „Die Verwandlung der Welt in einen gigantischen Supermarkt ist in vollem Gange.“ Diese Verwandlung wird durch eine entsprechende Ethik verstärkt, ich würde sogar sagen durch eine Religion. Diese Religion ist die Religion des Konsums. Genau von diesem Gesichtspunkt aus sollte man vieles von dem betrachten, was Du ansprichst. Dabei bestehe ich ausdrücklich auf der Definition „Religion“.

 

Wie Du weißt, habe ich nichts gegen Konsum als solchen. Aber ein Konsum, der zur Religion geworden ist – das ist nicht nur grauenhaft, das ist auch kontraproduktiv für die Herausbildung der Persönlichkeit eines Menschen. Wenn schon manche Regierungsmitglieder die durch Jahrzehnte erprobten Unterrichtsprogramme der Schulen kürzen und öffentlich erklären, dass man heutzutage keinen vielseitig gebildeten Menschen brauche, sondern bloß einen zivilisierten Konsumenten, dann ist es schon sehr weit gekommen.

 

Vor zehn Jahren habe ich meine Sichtweise der Geschehnisse geschildert (in Gedichten, versteht sich):

 

Sie kamen. Die Preise weiß ich nun

Von Wodka und von Zeitungen.

Doch ruhig, ganz Akteur, verlasse ich die Szene,

verstecke mich in rasenden Kulissen,

 

solang der Dolmetsch munter dolmetscht

solang er aus dem Stegreif übersetzt

die Sprache eines Gottes, welcher machtlos,

in einen fetten Daktylus des Wanstes.

 

Die Religion des Konsums ist wohl die erste bekannte Religion, in welcher der geistige Aspekt vollständig fehlt. Er ist durch eine amerikanische Spielart der Demokratie oder gar eine Maske, eine Profanisierung der Demokratie ersetzt worden, so wie es in Russland und in vielen anderen Ländern geschieht.

 

Aber es geht nicht nur um die Religion des Konsums. Soweit es Rußland betrifft, sind hier gleich mehrere Religionen in eine Auseinandersetzung geraten. Ich meine hier nicht die traditionellen Religionen, wie sie in unserem Land seit Jahrhunderten praktiziert werden (im russischen Text: funktionieren) und koexistieren, solche wie Christentum, Islam, Judaismus, Buddhismus und einige andere. Ich spreche von ganz anderen Religionen. Aus diesem Grund irrst Du Dich, wie mir scheint, wenn Du annimmst, dass Russland in eine Phase der Stabilisierung eingetreten sei. Beim Stand des heutigen Bewusstseins und der geistigen Werte ist eine Stabilisierung unmöglich. Und so leben wir weiter in der Smuta. Und diese Smuta ist unberechenbar.

 

Ich möchte Dich daran erinnern, was Dostojewskij in seinen „Dämonen“ darüber geschrieben hat: „In trüben Zeiten des Schwankens oder des Überganges finden sich immer und überall verschiedene elende Subjekte. Ich rede nicht von den so genannten ‚leitenden Männern’, die stets allen voraneilen (das ist ihre Hauptsorge) und dabei ein zwar sehr oft recht dummes, aber doch mehr oder weniger bestimmtes Ziel verfolgen. Nein, ich rede nur von dem Gesindel. In jeder Übergangszeit erhebt sich dieses Gesindel, das in jeder Gesellschaft vorhanden ist und nicht nur kein Ziel, sondern nicht einmal eine Spur von einem Gedanken hat und nur seine innere Unruhe und Ungeduld mit aller Kraft zum Ausdruck bringt. Dabei gerät dieses Gesindel, ohne es selbst gewahr zu werden, fast immer unter die Herrschaft jenes kleinen Häufchens ‚leitender Männer’, die bei ihrer Tätigkeit ein bestimmtes Ziel verfolgen, und dieses Häufchen lenkt dann jenen ganzen Kehricht, wohin es ihm beliebt, wenn die ‚leitenden Männer’ nur nicht selbst vollständige Idioten sind, was freilich ebenfalls vorkommt.“ (F. Dostojewskij „Dämonen“, Teil 3, Kapitel 1, Übersetzung 1924 von Hermann Röhl)

 

Es war der Prozess um S. Netschaev in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, der Dostojewskij dazu bewegte, seinen Roman „Dämonen“ zu schreiben. Netschaev hatte versucht eine revolutionäre Organisation zu gründen und schrieb den so genannten „Revolutionären Katechismus“ – ein Programm in dem er Kampfmethoden wie „Mystifikation“ und „Provokation“ propagierte. In unserem heutigen Leben ist beides im Überfluss vorhanden. Kein Tag vergeht ohne irgendeine Provokation oder Mystifikation. Übrigens - bedienen sich in alle Seiten gegnerischer Parteien dieser Mittel.

 

Das Problem besteht darin, dass jede globale Idee, die unser Land erreicht, von einer Mehrheit der Bevölkerung als Religion wahrgenommen wird. Der Kommunismus wurde ebenso als Religion eingeführt; dadurch erklärt sich seine Intoleranz gegenüber dem Klerus. Der Stalinismus hat diese Religion als eine Art Parodie auf die christliche Trinität gestaltet, die Trinität von Lenin als Vater-Gott, von Stalin als Gottmensch und als Drittes von pseudokommunistischer Idee, die den Heiligen Geist ersetzen sollte. Natürlich war das eine Parodie. Aber es war eine schreckliche Parodie, die das Leben von hunderttausenden Menschen kostete.

 

Über die speziellen Gebote, welche die Religion des Konsums hervorbrachte, haben wir bereits mehrmals miteinander diskutiert. Interessant ist, dass die Hohepriester der neuen Religionen nicht auf die alten Formen verzichten können. Ob sie wollen oder nicht, passen sie sich doch an die Steintafeln von Moses oder die Bergpredigt von Jesus an. Natürlich entsteht so nur eine Parodie. Aber die meisten Menschen merken es nicht und begreifen diese Parodien als etwas wahrhaftig Neues.

 

Ideenkämpfe implizieren natürlich immer den Sieg der einen über die anderen. Um so mehr bei uns, wo die Menschen es noch nicht gelernt haben, gegenüber anderen Meinungen tolerant zu sein. (im russischen Text: loyal) Aber jetzt sind wir mit einer absolut einzigartigen Situation konfrontiert: Eine von Grund auf neue Idee wird von keiner einzigen politischen Macht dargeboten. Stattdessen schlagen alle vor, den Gegner zu vernichten. So wurde im heutigen Russland eine alte Pseudoreligion wiedergeboren – der Nihilismus. Es wird alles verneint, inklusive des Landes selbst.

 

Ehrlich gesagt, ich hatte überhaupt kein Verlangen über die abstoßende Provokation in der Erlöserkirche zu sprechen. Aber da Du nun einmal so darauf bestehst, sage ich: Ich halte die gegebene Provokation nicht für einen „Ruf nach Hilfe in einer geistlosen Welt“. Das ist kein Schrei nach Hilfe. Das ist einfach eine Provokation. Ohne Worte ist klar, daß die Teilnehmer der Aktion Opfer jener geistlosen Welt sind, von der Du sprichst. Im besten Falle sind sie blinde Opfer, im schlechteren sind sie bewußte Verbündete derer, die vom Zerfall des russichen Staates träumen. Denkst Du, daß das zu laut gesagt ist? Nein, keineswegs. Weil nämlich Rußland seine Wiederentstehung und seine Existenz auf einem Sechstel der Erde der Orthodoxie zu verdanken hat. Der Angriff auf die orthodoxe Kirche ist daher ein Angriff auf den russischen Staat. Heute ist es genau das. Zur Zeit ist es so. Ja, die Orthodoxie verliert ihre Positionen, das ist offensichtlich. Aber eine andere globale Religion, die fähig wäre unsere Gesellschaft zu verbinden, ein anderes globales ethisches System, ist zur Zeit nicht gegeben. Gerade über diese neue Religion, dieses neue System, die noch nicht gefunden wurden, möchte ich im Weiteren sprechen.

 

Ich umarme Dich. Dein Efim Berschin.