Kai Ehlers - Lieber Jefim,

Kai ehlers schreibt an Jefim Berschin.
Kai Ehlers

danke, nun bist Du ja - nach langem, mir durchaus verständlichem Zögern - doch auf die Vorgänge um die „Pussy Riots“ eingegangen. Und bist gleich zum Kern gekommen (!), der in dem Auftreten der Gruppe liegt, dem Angriff auf die Verbindung von Staat und Orthodoxie, von Putin und Kyrill I. Das ist genau das, was ich mit Dir thematisieren möchte:

Zweifellos ist die Pussy-Aktion eine Provokation. Zweifellos ist sie geschmacklos, aggressiv und abstoßend, ganz zu schweigen von den vorhergehenden Aktionen der Gruppe. Und zweifellos ist sie auch ein Angriff auf den russischen Staat, wie er sich gegenwärtig mit Putin an der Spitze repräsentiert. Aber ebenso offensichtlich ist sie keine terroristische Aktion, kein nihilistischer Akt, der die Vernichtung von Menschen einkalkuliert. Im Kern ist sie nur eine hilflose Meinungsäußerung, eine Medienattacke, die sich des Tabubruchs bedient.

 

 Aktionen dieser Art gibt es immer wieder, einige geschmackloser, andere wirkungsvoller als die anderen. Wir hatten dergleichen massenweise in den sechziger Jahren in der BRD, in Europa, in den USA. Die damaligen Aktionen waren die Vorboten der Kulturrevolution der sechziger Jahre, der sog. 68er Revolution. Sie riefen das Entsetzen geschockter Gesellschaften und massive Reaktionen der Staatführungen hervor. Es war eine wüste Zeit mit starker gesellschaftlicher Polarisierung. Eine Revolution eben, wenn auch eine kulturelle. Wir haben darüber gesprochen. Wenn Du willst, kann ich Dir mehr berichten.

 

Aber das ist es eben gerade: Daß diese banale Medien-Attacke einiger tabubrechender junger Frauen derart massive Reaktionen nach sich zog, verweist darauf, daß diese Provokation, banal wie sie war, mitten ins Zentrum der heutigen Probleme Rußlands traf – und nicht nur Rußlands. Die Provokation offenbart die kranke Beziehung von Staat und Religion in unserer heutigen Realität, scharf gesprochen, den Konflikt zwischen der Privatisierung von Religion, Glaube und Ethik und den dagegen arbeitenden starken Kräften, die einen Erhalt oder sogar die Wiederherstellung gottesstaatlicher Ordnungssysteme anstreben. In diesem sinnlosen und gefährlichen Dualismus droht unsere Welt heute auf harte Konfrontationen zuzutreiben, wobei sich die religiösen Lager mit ökonomischen und politischen Interessen zu einem undurchdringlichen, aber explosiven Gemisch verbinden, das wir gemeinhin heute Globalisierung nennen. Eine unerquickliche Mischung. In unserem Buch „Herzschlag“ haben wir das schon vor ein paar Jahren als globale Smuta bezeichnet.

 

 In dieser Situation, so sehe ich es, sind wir alle Opfer und Täter zugleich. Das trifft für die „Pussies“ denke ich, nicht minder zu, als für jeden anderen heute lebenden Menschen. Dies zu akzeptieren ist für mich Ausgangspunkt jeder Suche nach neuen Formen des Umgangs miteinander. Ich spreche von der Not des Alltags, der materiellen wie auch der geistigen in einer Welt von sieben Milliarden Menschen, die alle ein Lebensrecht haben – allein weil sie nun einmal da sind, die alle etwas wollen, auch wenn viele häufig nur hilflos oder gar dumpf nach irgendeinem besseren Leben streben als dem, das sie gerade leben.

 

 Ich glaube, ich muß Dir diese Not nicht im Detail schildern. Du hast sie erlebt, als der schützende Innenraum der sowjetischen Welt in sich zusammenstürzte. Die andere, damals unsere, jetzt auch Eure Seite ist ebenso offensichtlich – das Elend einer von Profit und Konsum beherrschten Gesellschaft, in welcher der Mensch als Humankapital definiert und sein Wert nach seiner Kaufkraft eingeschätzt wird. Vor diesem Hintergrund, da sind wir vermutlich einig, ist heute jede Provokation verständlich, die sich gegen die herrschenden Normen auflehnt, selbst wenn sie nicht gleich mit Alternativen Vorstellungen aufwarten kann.

 

Wohl gemerkt: Ich spreche von tabubrechenden Provokationen, nicht von Terror – weder vom Terror von unten, noch von Staatsterror oder offenem Krieg.

 

Was nun die russischen Normen betrifft – sieht es da wirklich so finster aus, wie Du es in Deinem Brief darstellst? Ich weiß nicht - stimmt, Perestroika hat nicht nur zur Privatisierung der Ökonomie, sie hat auch zur Privatisierung des Glaubens geführt. Ist das schlecht? Ist das gut? Ist damit die Geschichte der russischen Gemeinschaftskultur, auch wenn sie nicht mehr orthodox begründet wird, mit einem Schlag beendet? Das glaube ich nicht; kulturelle Entwicklungen bewegen sich doch in längeren Wellen als in dem kurzen Kräuseln der politischen Konjunktur. Wie oft wurde russische Gemeinschaftskultur bereits totgesagt – um dann in verwandelter Form wieder aufzuerstehen. Smuta auch in Russland? Ja, das sehe ich ebenso wie Du. Aber ist das nicht auch Ausdruck davon, daß sich alte Vorstellungen, hergebrachte Lebensformen mit neuen verbinden? Eine Art gesellschaftlicher Polterabend?

 

Das sind alles offene Fragen, die noch zu untersuchen sind. Klar ist nur, daß es zur Zeit keinen verbindlichen religiösen Kanon gibt. Da gebe ich Dir recht. Aber hat es den jemals in Rußland gegeben? Es hat ein orthodoxes Staatskirchentum gegeben, gestützt auf das „Dritte Rom“ Iwans IV., ja, zweifellos. Aber ebenso zweifellos umfaßt Rußlands Geschichte auch andere religiöse Kulturen als nur die orthodoxe, die das Land, das Imperium, die Gesellschaft mit gebildet haben, halb erobert, halb „angeheiratet“, hier offen, dort unterschwellig, aber auf jeden Fall als essentieller Bestandteil des russischen Vielvölkerstaates: Muslime, Buddhisten, weite Bereiche des Landes mit naturreligiösen Anschauungen u.a. .

 

Ich finde es fatal, wenn Wladimir Putin heute - nachdem zwölf Jahre autoritärer Liberalismus’ nicht die Stabilität gebracht haben, die er sich wünscht – nun versucht, einen orthodoxen Patriotismus zu entwickeln, statt die Kräfte zu stützen, die eine föderale, plurale und eben dadurch auch kooperative Perspektive für ein neues Rußland entwickeln könnten. Ich kann in einem orthodox-klerikalen Patriotismus keine Kraft erkennen, die in der Lage wäre, die Selbstheilungskräfte der russischen Bevölkerung zu fördern – schon gar nicht in einer Zeit, in der die russische Gesellschaft darauf angewiesen ist, massenhaft Arbeitsäfte aus dem Süden Eurasiens, also Muslime, ins Land zu ziehen. Auch die Orientierung Rußlands auf Bildung einer Eurasischen Union läuft diametral gegen den Zusammenschluß der russischen Bevölkerung unter einem orthodoxen Patriotismus. Oder anders gesagt: eine solche Orientierung kann nur auf eine Unterwerfung der kulturellen und religiösen nicht-orthodoxen Bevölkerungsteile des Landes durch ein orthodox-klerikales Zentrum hinauslaufen. Dazu muß gesagt werden, daß diese nicht-orthodoxen Teile der Bevölkerung, insbesondere die muslimischen, keine Minderheiten im europäischen oder westlichen Sinne sind. Die Muslime bilden immerhin fast ein Viertel der jetzigen Bevölkerung Rußlands und ihre Zahl wächst rasant durch den Kinderreichtum der in Rußland ansässigen muslimischen Bevölkerung, durch die Zuwanderer und deren Kinder, während die Geburtenfreudigkeit der übrigen Bevölkerung unter der Reproduktionsgrenze liegt und immer noch weiter abnimmt. Die Buddhisten bilden ebenfalls eine eigene Kultur. Große Teile der Bevölkerung gehören überhaupt keiner Religion an – außer, wie wir ja wissen, einem konsumorientierten Modernismus. Unter all diesen Umständen ist aus meiner Sicht nicht nur der Auftritt der „Pussy Riots“ in der Christ-Erlöser-Kirche, dem Symbol der geplanten Wiedergeburt des orthodoxen Patriotismus, eine Provokation, sind nicht nur Putin und Kyrill I. die Angegriffenen, sondern provozieren die beiden auch ihrerseits all die Teile der Bevölkerung, die eine Dominanz einer einzigen Religion oder Weltanschauung nach den historischen Erfahrungen mit dem Sowjetismus und angesichts des Verstaubtheit der Orthodoxie nicht wieder haben wollen. Die Pussy-Aktion ist, abgesehen von allen Nebenaspekten, Ausdruck dieser Situation.

           

Es bleiben noch viele Fragen, lieber Jefim, die Du in Deinem Brief aufwirfst: Die Religion des Konsums, die Frage der Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit, die Frage der Profanisierung der Demokratie, die Frage des Nihilismus und die vielen Töne dazwischen. Ich möchte an keiner dieser Fragen vorbei gehen. Jede einzelne verdient nicht nur in einem eigenen Brief, sondern in ganze Büchern und Seminaren behandelt zu werden und ich hoffe, daß uns die Zeit gegeben sein wird, dies alles zu schaffen – und vielleicht sogar zu Taten werden zu lassen. Laß uns die Dinge also der Reihe nach gründlich anschauen.

 

Eins aber möchte ich noch in diesem Brief ansprechen: Mir ist die Position, die Du von Dostojewski zitierst, befremdend aufgestoßen. Speziell das, was er dort über das „Gesindel“ sagt, das in Übergangszeiten unter die Herrschaft ‚leitender Männer’ gerate. Nicht daß ich mit Dostojewski streiten möchte – dafür aber um so lieber mit Dir, darüber nämlich, was dieses Zitat für die heutige Zeigt aussagen soll: Oben Demagogen und unten konsumierende Masse? Das wäre mir zu einfach. Zweifellos stellen sich einige Herrschaften die Welt heute so vor. Ich muß nur auf das berüchtigte „Tittitainment“ Sbigniew Brzezinskis verweisen, der meint, man könne 80 Prozent der Weltbevölkerung mit Unterhaltung stillegen wie es einst die Römer mit ihren Proles durch „Brot und Spiele“ taten. Ich möchte da aber einen anderen Ansatz verfolgen, zumindest möchte ich den zwischen uns erst einmal in den Ring werfen. Ich greife dafür auch auf ein Zitat zurück; es ist nur ein paar Jahrtausende älter. Es stammt von Laotse. In der Strophe drei seines „Tao-Te-King“ heißt es:

 

Die Tüchtigen nicht bevorzugen,

so macht man, daß das Volk nicht streitet.

Kostbarkeiten nicht schätzen, so macht man, daß das Volk nicht stielt.

Nichts Begehrenswertes zeigen,

so macht man, daß des Volkes Herz nicht wirr wird.

 

Darum regiert der Berufene also:

Er leert ihre Herzen und füllt ihren Leib.

Er schwächt ihren Willen und stärkt ihre Knochen

Und macht, daß das Volk ohne Wissen

Und ohne Wünsche bleibt,

und sorgt dafür,

daß jene Wissenden nicht zu handeln wagen.

Er macht das Nichtmachen. So kommt alles in Ordnung.“ [i]

 

Um Mißverständnissen, auch evtl. bei Dir, vorzubeugen, erkläre ich gleich dazu: Das Herz ist im Chinesischen der Sitz der Begierden; Wille ist im Sinne von Willkür und Ehrgeiz zu verstehen; Wissen ist gleichbedeutend mit überflüssiger Information, inhaltslosem Intellektualismus; jene Wissenden sind diejenigen, die das Volk mit falscher Gelehrsamkeit oder sinnlosen Informationen in die Irre führen oder gar betrügen. Der Berufene ist der Erkennende, im Idealfall die höchste Kraft im Staate, der Kaiser, der dafür zu sorgen hat, daß die Ordnung des Himmels (und der Erde) nicht gestört, sondern durch kluges Nichtmachen gewahrt und gefördert wird. Nichtmachen bedeutet aber nicht etwa nichts zu tun, sondern sich entsprechend der dem Kosmos immanenten Gesetze zu bewegen. Das setzt ein Studium dieser Gesetze und den Willen voraus, ihnen zur Geltung zu verhelfen. Ordnung, so faßte es Konfuzius, der in dieser Frage strenger war als Laotse, ist die Voraussetzung für Freiheit.

 

Kurz, lieber Jefim, ich möchte von den berechtigten Lebensinteressen der Menschen auszugehen und von da aufzusteigen zu den komplizierteren Fragen des Zusammenlebens und der ethischen Orientierung. Anders gesagt, ich schlage vor, zunächst einmal Deinen Satz anzuschauen: „Wie Du weißt, habe ich nichts gegen Konsum als solchen. Aber ein Konsum, der zur Religion geworden ist – das ist nicht nur grauenhaft, das ist auch kontraproduktiv für die Herausbildung der Persönlichkeit eines Menschen“ und diesen Satz auf seine Realitätstauglichkeit hin abzuklopfen, bevor wir in die weitere Debatte um größere ethische Dimensionen einsteigen. Wie Du schon sagtest: alles hat seine Zeit – und auch seinen Ort.

 

Sei herzlich umarmt, Kai 



[i] Laotse: Tao-Te-King, Das Buch vom Sinn und Leben, in einer Übersetzung von Richard Wilhelm, 1910, Diederichs gelbe Reihe, München, 2004

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