Kai Ehlers - Hallo Jefim,

Kai Ehlers
Kai Ehlers

einverstanden – konzentrieren wir uns auf die Dinge, die wichtig sind.

„Wir müssen die Ursachen für den wuchernden modernen Nihilismus ergründen“, schreibst Du. „Wir müssen verstehen, wo er künstlich geschaffen wird und wo er auf natürliche Weise entsteht. Hier darf man keine Fehler machen.

Dann können wir weiter gehen.“ Ja, akzeptiert. Einverstanden bin ich auch mit Deiner Forderung: „Heute brauchen wir das Schaffen. Das Wichtigste ist, daß Zerstörung nicht vor dem Schaffen stattfindet. Sonst kommt es zu einer weiteren Katastrophe.“ Sprechen wir also über den Nihilismus.

 

Was war damals, also zu Dostojewskis Zeiten, die Ursache des Nihilismus? Was könnte sie heute sein? Ich sehe es so und bin sehr gespannt, wie Du dazu stehst: Damals war es der Frust der einsetzenden Industrialisierung, der die moralischen Werte der vorindustriellen Zeit ins Wanken brachte. Der Mensch wurde zum Funktions-Bestandteil der Maschine, was seine moralische Einmaligkeit als Gottes Geschöpf brutal relativierte. In Rußland lief dieser Prozeß wie schon andere Entwicklungsschübe zuvor als nachholende Modernisierung besonders gedrängt und bedrängend. Nietzsche brachte die damalige geistige Verfassung der sich entwickelnden Industriegesellschaft auf den Punkt „Gott ist tot“ und erklärte die Zeit für gekommen, den „Übermenschen“ zu schaffen. Max Stirner, noch radikaler als Nietzsche und unfreiwilliger Stichwortgeber für viele, auch russische Adepten, die sich später als Nihilisten outeten wie der von Dir schon erwähnte Sergei Netschajew, erklärte in seiner Schrift „Der Einzige und sein Eigentum“ sich selbst zum einzigen Ziel seines Strebens. Ich zitiere nur die letzten Sätze aus der Einleitung von Stirners Kampfschrift: „Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache ‚des Menschen’“, schrieb er: „Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist - einzig. Wie ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!“ (kursiv durch Stirner)

 

Die Revolution von 1917 war – nach vorangehenden Erschütterungen durch den ersten Weltkrieg – das authentische Resultat dieses Zeitgefühls, mit dem die Menschen, genauer die europäisierte Menschheit das kirchliche Versprechen auf das Paradies im Jenseits durch die wissenschaftlich planbare gerechte und egalitäre Gesellschaft im Diesseits ersetzen wollte.

 

Heute ist es der Zusammenbruch dieser großen Utopie des Sozialen, der die neuen Nietzsches und Stirners und deren plakative Epigonen hervorbringt – und dies nicht nur in Rußland, sondern über Rußland hinaus in der ganzen Welt. Es ist das Ende der Utopie vom neuen Menschen in einer neuen gerechten Gesellschaft, verbunden mit der Erfahrung, daß „der Kapitalismus“ seine Glücksversprechen ebenfalls nicht einhalten konnte, sondern als Faschismus und Nationalsozialismus in die Irre führte und auch heute als Reparaturkonzept für die verlorene sozialistische Utopie keineswegs taugt. Zu Nietzsches Kampfruf „Gott ist tot“, mit dem der Mensch des kommenden Industriezeitalters sich von den Versprechungen der Kirche auf eine Erlösung im Jenseits befreite, tritt heute der Schlachtruf der „Entstaatlichung“ und „Privatisierung“, mit dem die Menschen sich enttäuscht von den Erwartungen auf eine vom Staat erhoffte und von dessen Vertretern versprochene Erlösung im Diesseits abwenden.

 

Grundfrage ist dabei für mich: Ist die sozialistische Utopie an der Natur des Menschen, oder sind die Menschen an einer falsch gesetzten Utopie gescheitert? Du und ich, wir sind uns ja weitgehend darin einig, daß der sowjetische Sozialismus – wie auch alle davon ausstrahlenden sozialistischen Versuche - in dem Anspruch stand, die ethischen Normen der Menscheitsentwicklung in eine wissenschaftlich begründete Soziotechnik zu überführen. Woran lag es, daß das Experiment gescheitert ist? An der falschen Soziotechnik oder an einer Fehleinschätzung der Natur des Menschen? Oder radikaler gefragt: ist das Experiment des Sozialismus überhaupt richtig beschrieben, wenn man es als gescheitert betrachtet? War die gewaltsame Installation der „Diktatur des Proletariats“ mittels des Staates nicht vielleicht die unumgehbare historische Schule der Transformation auf dem Weg in eine Gesellschaft, die am Ende dieses Weges erkennen kann , daß eine bessere Gesellschaft und ein besserer Mensch nicht mit Gewalt und generell nicht durch den Staat zu erzwingen ist? Die Abkehrung vom Staat als Gewaltmonopol ist vor diesem Hintergrund heute ebenso authentisch wie seinerzeit die Abkehrung von der Kirche. Wenn Staat und Kirche sich heute wieder zusammentun – sei es in Rußland oder anderswo – um in einer chaotischen, krisenhaften Situation die Ordnung aufrecht zu erhalten, kann das nur kontraproduktiv in Hinsicht auf die ethische Verantwortungsbereitschaft der von ihnen beherrschten Menschen wirken. Diesen Fragen müssen wir unbedingt genauer nachgehen.

 

Um es zusammenzufassen: Aus meiner Sicht muß, wenn es darum geht, aus der Geschichte zu lernen und sich auf den Weg in eine ethisch begründete Gesellschaft zu machen, welche die religiösen und pseudoreligiösen Zwänge hinter sich läßt, muß genauestens unterschieden werden zwischen notwendiger Kritik der kirchlichen und staatlichen Bevormundung bis hin zu Protesten gegen dumpfen Dogmatismus und Repression und dem, was Du „Zerstörung“ nennst. Anders als über eine solche Kritik und solche Proteste, die der Bevormundung durch Kirche und Staat, schärfer gesprochen, deren ideologischem Definitions- und Gewaltmonopol das Engagement der Selbstorganisation der Menschen in kooperativer Gemeinschaft als neues, in die Zukunft weisendes Prinzip entgegenstellen, werden wir, davon bin ich fest überzeugt, nicht zu einer neuen Ethik kommen. Das gilt, wie ich es sehe, auch und gerade für Rußland.

 

So weit mein Lieber für heute. Wie immer bleiben viele Fragen offen. Ich hoffe aber, Dir genügend Ansatzpunkte für Vertiefungen oder Widerspruch von Deiner Seite gegeben zu haben. Ich bin gespannt, wohin uns dieser Weg führt.

 

Sei herzlich gegrüßt, Kai



 

 



 

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