Jefim Berschin - Lieber Kai,

Jefim Berschin
Jefim Berschin

Bedauerlichweise wurde unser Briefwechsel erneut für längere Zeit unterbrochen. Ich bin bereit, die Schuld dafür auf mich zu nehmen, wenngleich es, offen gesagt, viele Gründe für die Verzögerung gibt, über die zu sprechen hier nicht angebracht ist.

Im Übrigen, obwohl ziemlich viel Zeit seit Erhalt Deines Briefes verstrichen ist, könnte ich nicht sagen, daß sich in unserem Leben inzwischen viel geändert hätte. Die Grundfragen, die du aufgeworfen hast, sind nach wie vor aktuell.

 

Ich verfolge aufmerksam die Vorgänge in der Welt und bemerke, daß fast täglich in den verschiedenen Teilen der Welt Ereignisse stattfinden, die Du als „Schrei nach Hilfe“ charakterisieren möchtest. Ich erinnere daran, daß Du den Auftritt der Punk-Gruppe in der Moskauer Kirche in dieser Weise charakterisiert hast. Bedauerlicherweise verwandelt sich der „Schrei nach Hilfe“ in vielen Fällen in realen Terrorismus – sowohl in geistigen wie auch in primitiven mit Hilfe von Bomben und Mord. In diesem Sinne kann man sowohl die Moskauer Ereignisse wie auch die Terroraktionen in amerikanischen Schulen, die Schießerei im Lager in Norwegen, die Verunglimpfung traditioneller Kulturen sowie traditioneller Religionen und vieles anderes in eine Reihe stellen. Der Unterschied besteht nur darin, daß verschiedene Kräfte diese Vorgänge in unterschiedlichere Weise für ihre Interessen nutzen. Das gilt für staatliche wie auch für oppositionelle Strukturen. Aber ich bin bereit von unsauberen und denen, aus meiner subjektive Sucht, ohnehin das Schicksal der Menschheit nicht anvertraut werden darf,) weil die Politiker fast immer alles wiederholen. Die primären tatsächlichen Gründe, um die es geht, sind Aufreizung oder ähnliche Erscheinungen.

 

Heute sind wir wieder in eine Situation der absoluten ideologischen Smuta verfallen, wie es sie schon früher gegeben hat, zum Beispiel in Rußland am Anfang der zwanzigsten Jahrhunderts. Und auch zu anderen Zeiten konnten wir ideologischen Kataklysmen der verschiedensten Art nicht entkommen. Wenn man sich jedoch dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zuwendet, dann wird klar, daß der soeben entstehende russische Kapitalismus, der die gewohnten Lebensgrundlagen erschütterte, das Patriarchat und die russische Gemeinschaftskultur erschütterte, aktiven Protest hervorrufen mußte. Zielte er doch auf eine Veränderung der Funktion, auf eine Veränderung der Natur des Menschen selbst. Ich stimme mit Dir vollkommen überein, wenn Du schreibst, daß „der Mensch zum Funktions-Bestandteil der Maschine wurde, was seine moralische Einmaligkeit als Gottes Geschöpf brutal relativierte“. Überdies verlief dieser Prozeß in Rußland außerordentlich heftig, geradezu barbarisch. Die Notwendigkeit des Modernisierungsgalopps, die Gier nach allseitigem Profit verwandelte den Menschen in Vieh. Die einen wie die anderen. Die Arbeitgeber wie auch die Arbeiter. Dabei muß man bedenken, daß all dies in einem noch ziemlich patriarchalen, beinahe vollkommen ländlichen und wenig gebildeten Land geschah. Die neuen Kapitalisten stammten in der Mehrzahl ebenfalls aus dem Bauernstand, viele sogar aus noch aus dem hörigen Bauernstand. Um so erstaunlicher ist, daß sie sich ihren Arbeitern gegenüber wie gegenüber Vieh verhielten. Aber vielleicht liegt darin auch gar nichts Erstaunliches. Das kulturelle, ethische Niveau der aus der Bevölkerung entstehenden Kapitalisten war einfach so, daß sie nicht in der Lage waren, das patriarchale Bewußtsein mit den neuen Lebensbedingungen zu verbinden.

 

Im Jahr 1985, am Vorabend der 80-jährigen Wiederkehr des ersten russischen Streiks, war ich auf Arbeitsreise in Iwanow (dem früheren Iwanow-Wosnesensk). Mir bekannte Mitarbeiter vom örtlichen Museum zeigten mir archivierte Dokumente aus dem Jahr 1905 – Kai, da muß man nichts mehr lesen. Es reichte, die Fotos anzuschauen, um zu verstehen: die Revolution von 1905 war unausweichlich. Die Arbeiter in den Werken und Fabriken befanden sich bereits in einem Zustand von Tieren.

 

Der Kapitalismus im westlichen Europa brachte eine globale ethische Idee mit sich. Faktisch schaffte er Gott, schaffte er die göttliche Ankunft des Menschen ab und versprach statt dessen das Reich Gottes auf Erden. (Ich bemerke in Klammern, daß nahezu dasselbe später die Bolschewiki verkündeten. Nur, die Ersetzung Gottes und der göttlichen Abstammung des Menschen erdachten nicht sie. Sie übernahmen sie vom Kapitalismus und übertrieben sie auf ihre äußerst heftige Art). Du schreibst auch vollkommen richtig, daß der hauptsächliche Vertreter dieser Idee Nietzsche war, der erklärte, Gott sei tot, und daß es Zeit sei, den neuen Menschen zu schaffen. Übermensch. In gewissem Sinne hatte Nietzsche vollkommen recht: Unter den neuen Bedingungen konnte der gewöhnliche Mensch, als Schöpfung Gottes, nicht überleben. Ein anderer Mensch wurde gebraucht. Aber wir wissen heute, wohin das führte – zu extremen Ergebnissen, zum Faschismus, zum Nazismus. Und zur Zerstörung des „Übermenschen“, denn im Gegenüber von Mensch und Gott siegt immer Gott.

 

Mir gefällt sehr der Satz unseres Dichters, Übersetzers und religiösen Denkers Semen Lipkin. Lipkin war im Krieg, er überlebte die Schlacht von Stalingrad und kam mit den (sowjetischen) Truppen nach Deutschland. Einst stritt er mit seinem Freund, dem bekannten Schriftsteller Wassili Grossmann, der sich bemühte zu ergründen, welche Rolle die Partei im Sieg über den Faschismus gehabt habe. Lipkin sagte: Im Krieg siegte Gott, der das Volk ergriff! Und das ist wahr. Weil Gott gegen den Übermenschen ist, dagegen, daß der Mensch sich in eine besinnungslose Maschine des Krieges oder der Arbeit verwandelt.

 

Entschuldige, wir wollten über den heutigen Nihilismus sprechen, und ich bin ein wenig abgeschweift. Ich wurde abgelenkt, weil es wichtig ist die Gründe zu verstehen, die zur nihilistischen Verneinung führen. Und ich möchte sagen, daß die Gründe ganz und gar unterschiedliche sind. Der heutige Nihilismus hat wenig Beziehungen zu dem, wie er im Westen verstanden wurde von Jakob, Kierkegard, Nietsche, Spengler und Heidegger. Mir imponiert bei Weitem mehr der Vorschlag Erich Fromms, der unterstreicht, dass Nihilismus, - das Bestreben des Menschen ist, die Welt zu zerstören, damit diese ihn nicht selbst zerstöre.

 

Die wörtliche Bedeutung des Wortes „Nihilismus“ – übersetzt aus dem lateinischen – lautet

„nichts“, „niemand“ und das, was Du heute „Schrei nach Hilfe“ nennst – das ist der Aufstand der Wüste gegen die Wüste. Aber darüber lass uns im nächsten Brief sprechen.

 

 

Ich umarme Dich,

Jefim

 

1 Verwirrte Zeit

2 Patriarchat = orthodoxe Kirche

3 Russisch: Óbschtschinost

4 Semen Lipkin,

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