Kai Ehlers - Lieber Jefim,

Kai Ehlers
Kai Ehlers

Du beendest Deinen letzten Brief mit dem Satz, der „Schrei nach Hilfe“, mit dem ich Provokationen wie die der „Pussy Riots“ charakterisiert hatte und unter den Du Deinerseits noch anderes Vergleichbares subsumiert hattest, sei gleichbedeutend mit einem „Aufstand der Wüste gegen die Wüste“.

Dieses Bild hat mich stark berührt. In ihm sehe ich die Essenz der heutigen Situation voll eingefangen. Die Essenz, das ist aus meiner Sicht: die Vertiefung des philosophischen Nihilismus zu einem, wie ich es nennen möchte, sozialen Nihilismus.

 

Hinter diesem heutigen sozialen Nihilismus steht ja nicht nur die Geschichte der einsetzenden Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, erster Weltkrieg und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der versucht wurde, den gottgeschaffenen, bzw. natürlichen Menschen durch seine soziotechnische Verbesserung, durch den ‚Übermenschen’ zu ersetzen. Zweiter Weltkrieg, Faschismus und Stalinismus haben der Menschheit über den philosophischen Nihilismus und seine theoretische Forderung nach dem „Übermenschen“ hinaus brutal vor Augen geführt, wohin dieser Versuch praktisch geführt hat: nicht etwa zu den erhofften gewachsenen moralischen und ethischen Fähigkeiten des Menschen im Umgang mit der von ihm geschaffenen technischen Zivilisation, sondern in die vollkommene Unterordnung des Menschen unter eine sich selbst auf Kosten von Millionen Menschenleben reproduzierende Vernichtungsmaschinerie.

 

Heute setzt sich dieser Prozess in der Verlogenheit eines globalisierenden Kapitalismus fort, der von dem sich selbst zugesprochenen Image lebt humanitär zu sein, der in Wirklichkeit aber die Tendenz zur Vernichtung des gesamten Lebens in sich trägt. Der ideologische Ausdruck dieser Realität geht in der Tat weit über den frühen philosophischen Nihilismus Jacobis, Kierkegards, Nietzsches, Spenglers auch noch eines Heidegger und sogar noch des Existenzialismus Sartres oder Camus ins allgemeine soziale Feld hinaus. Das nenne ich sozialen Nihilismus. Über die Entwicklung dahin gibt es noch viel zu forschen, nachzudenken und zu klären; ich lasse es hier aber erst einmal bei dem bisher Gesagten.

 

Vor dem Hintergrund des sozialen Nihilismus sind alle heutigen Kritiken, Proteste, Aufstände, Rebellionen und Revolutionsversuche, einschließlich der Verwandlung von religiösen Erneuerungs- oder Widerbelebungsversuchen in terroristische Akte in der Tat nichts anderes als Aufstände der Wüste gegen die Wüste, die eine nicht vorhandene Perspektive anzeigen. Aber – was könnte eine über die heute herrschende Ideologie des „humanitären Kapitalismus“ und seine nicht eingehaltenen Glücks-, Konsum- und Menschenrechtsversprechungen hinausgehende Perspektive sein? Das ist die Frage, die unabweisbar vor uns steht.

 

Sei umarmt, mein Lieber

Ich hoffe sehr, daß wir zu Kernfragen vordringen können.

Kai

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