Jefim Berschin - Lieber Kai,

Jefim Berschin
Jefim Berschin

Ich lebe zur Zeit in einer Moskauer Vorortsiedlung, schaue aus dem Fenster auf die unschätzbare Schönheit, die der Schneefall bescherte, und denke darüber nach, daß die Natur das Einzige ist, was der Mensch nicht verneinen kann. Sie existiert, und daran ist nicht zu rütteln. Das muß auch nicht sein.

Niemanden kommt es in den Sinn eine Revolution gegen den Regen, den Schnee oder den Wind zu organisieren. Der Aufruhr gegen diese oder jene sozialen Erscheinungen oder einfach deren Ablehnung dagegen - das ist normal.

 

Worin liegt hier das Problem?

 

Mir scheint, daß das Problem im Unvermögen oder sogar in der mangelnden Bereitschaft liegt, die sozialen Erscheinungen, die der natürlichen Entwicklung hervorgehen, von denen zu

unterscheiden, die in der Gesellschaft künstlich herbeigeführt wurden. Alles Künstliche, zu Zwecken des Gewinns oder auch zur Durchsetzung irgendeiner utopischen Idee Ausgedachte unentrinnbar in die Sackgasse. Aber in der heutigen Gesellschaft sind die Techniken der Manipulation des öffentlichen Bewußtseins schon in einem solchen Maße verfeinert, daß es dem einfachen Menschen schwer fällt den natürlichen Weg von dem unnatürlichen zu unterscheiden. In diesem Zusammenhang möchte ich Dich an die Arbeiten der Philosophen der Frankfurter Schule erinnern, die zu dem Schluß kamen, daß die gegenwärtige Gesellschaft technokratisch ist und daß sie durch der Verbreitung eines falschen (verlogenen) Bewußtseins existiert, vermittelt durch die Massenmedien wie auch durch die Populärkultur und den aufdringlichen Kult des Konsums.

 

Beinahe alle Philosophen der Frankfurter Schule, vielleicht mit Ausnahme von Herbert Markuse, waren Schüler von Sigmund Freund, von dem sie die Idee der Struktur der Persönlichkeit und die Idee des Unterbewußtseins übernahmen, obwohl er selbst noch mit dem Individuum, mit dem einzelnen Menschen arbeitete. Das ist nicht erstaunlich, denn zu Freuds Zeiten gab es noch kein derart aufdringliches System des Manipulation des öffentlichen Bewußtseins. Bezeichnend ist, daß nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland, nachdem ein erdrückender Teil der deutschen Gesellschaft in kürzester Zeit einer geschlossenen Ideologie unterworfen worden war, eine prinzipiell neue Situation entstand. Diese Situation zwang die Philosophen der Frankfurter Schule, sich von der Idee ihres Lehrers zu entfernen und sich den Ideen Carl Gustav Jungs zuzuwenden, der schon 1916 den Terminus des „kollektiven Unterbewußtseins“ ins Leben rief.

 

Das kollektive Unterbewußtsein, im Unterschied zur individuellen (persönlichen) Form des Bewußtsein, gründet sich nicht auf die Erfahrung eines einzelnen konkreten Menschen, sondern der Gesellschaft als ganzer. Es ist offensichtlich, daß das eine kompliziertere Form ist. Es ist auch offensichtlich, daß die Philosophen der Frankfurter, die in ihrer Mehrheit gezwungen waren in die USA zu emigrieren, schon voraussahen, daß auf das Unterbewußtsein effektiver Einfluß genommen werden kann, als auf das rationale Bewußtsein, indem mit einfachen Kategorien von Gut und Böse, wahrscheinlich oder unwahrscheinlich operiert wird. Dies um so mehr, als sich der Einfluß auf das Unterbewußtsein in der Regel mit der Vereinfachung populärer Ideen maskiert.

 

Und jetzt kehren wir zurück zum Nihilismus: Wenn ich beobachte, was in der Welt, in Teilen von ihr, in Rußland vor sich geht, komme ich zu dem Eindruck, daß eine neue Form des Nihilismus entstanden ist, die kaum noch eine Beziehung zu den Formen hat, welche die klassischen Philosophen beschrieben. Das, was da vor sich geht, würde ich irrationalen Nihilismus nennen.

 

Du schreibst, daß der Prozeß der Schaffung eines Übermenschen sich fortsetzt, nur „nahm er die Form der kapitalistischen Globalisierung an, geschickt versteckt in der Maske des Humanismus. Im Grunde trägt aber genau dieser Prozeß die Tendenz in sich alles Lebendige, Natürliche für den Menschen zu vernichten.“ Wahrscheinlich hast du Recht. Der Prozeß setzt sich fort. Aber allmählich zieht er unvorhersehbare Folgen nach sich. Entwaffnet durch Propaganda und Massenkultur, befallen vom Virus des Konsums, beginnen die Menschen zu protestieren … gegen sich selbst. Sie fühlen sich nicht natürlich in der heutigen Welt. Sie fühlen sich schlecht. Nach lange hergebrachten Traditionen richten sie ihre Wut gegen die, in deren Händen Macht und Geld liegen. Aber zugleich wollen sie selbst Macht und Geld. Weil ihnen, um es mit den Worten Freuds zu sagen, eine andere Art der „Befriedigung“ nicht geblieben ist. Genauer, sie sehen sie nicht. Daraus ziehe ich den Schluß, daß das heutige System der Werte die Menschen zur Selbstvernichtung bringt.

 

Du fragst, wodurch man „ die heutige Ideologie des sogenannten humanen Kapitalismus mit seinen unerfüllbaren Glücksversprechungen, allgemeiner Wohlfahrt und Einhaltung der Menschenrechte“ denn ablösen könne. Ich weiß es zur Zeit nicht. Aber ich weiß eines: ohne Negation und ohne Sturz des heutigen Wertesystems, das vor allem auf Betrug und Illusionen begründet ist, wird man nichts Neues sehen können. Aber es zu sehen ist nötig. Dieses Neue liegt, unbestreitbar, im Bereich einer neuen Ethik.

 

Lieber Kai! Ich wünsche Dir Glück zum neuen Jahr. Und ich hoffe sehr, daß unser Schriftwechsel sich weiter entwickelt und daß wir auf unserem Weg voran kommen.

 

Dein Jefim

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael Hillmann (Sonntag, 08 Februar 2015 14:48)

    Ich bin erst heute auf diese faszinierende Homepage gestossen. Mich wundert, das hier keine Kommentare stehen? Irgendwie aber auch nicht. Wie kann der eigene Kommentar wohl zu so einem herausragenden Brief nur darstehen?!

    Ich kann einem Künstler und Denker literarisch nie das Wasser reichen, gleichwohl beginne ich aber zu verstehen, was Herr Berschin meint. Ganz tolle Denkanstösse. Ich freue mich schon auf die nächsten Briefe.